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In der klassischen Mechanik Newtons macht es keinen Unterschied, ob ein Vorgang vorwärts oder rückwärts in der Zeit abläuft, gerade so, wie ein Planet scheinbar beliebig seine Sonne mit oder gegen den Uhrzeigersinn umlaufen kann. Diese Eigenschaft haben physikalische Theorien bis hin zur Relativitätstheorie und zur Quantenphysik dieses Jahrhunderts behalten. Nun werden aber bestimmte mögliche Phänomene nicht beobachtet, wann beispielsweise laufen Wasserwellen konzentrisch zusammen, um sich an einem Punkt zu treffen, dort einen Stein vom Bachgrund zu saugen, hochzureißen und auf die Brücke zu schleudern in die Hand eines Kindes?
Um Fragen dieser Art geht es im Buch des Chemie-Nobelpreisträgers Prof. Ilya Prigogine und seiner Mitarbeiterin Dr. Isabelle Stengers. Zudem geht es um die moderne physikalische Forschung und ihren erkenntnistheoretischen und weltanschaulichen Hintergrund. Es ist ein Unterschied, ob über eine statische Welt des Seins oder eine dynamische Welt des Werdens philosophiert wird.
Hier deutet sich
zart der Unterschied zwischen den mehr esoterischen Grundlagen
des Philosophierens zwischen West und Ost, zwischen der historisch
morgenländischen Tradition und des Abendlandes an, auf die die
Autoren jedoch weniger eingehen.
Sie halten sich mehr an die teilweise noch relativ wenig geläufigen
jungen Ergebnisse moderner (westlicher) Wissenschaft. Was diese an Wissen
geschaffen hat, ist in der Tat erstaunlich. Kybernetik, Mathematik und
Chaosforschung haben diverses Handwerkszeug entwickelt, mit dem
sich ein Pfeil der Zeit
in der physischen Natur motivieren läßt,
beinahe sogar, ohne daß man auf die schöne zeitlich symmetrische Welt der
bisherigen physikalischen Theorien verzichten muß. Beinahe, denn:
"Der Determinismus, der lange geradezu als Inbegriff des
wissenschaftlichen Erklärungsmodells galt, ist zu einer Eigenschaft
geschrumpft, die nur in besonderen Fällen gültig ist. Zudem bekommen
Wahrscheinlichkeiten … jetzt eine objektive Bedeutung."
(Seite 128)
Diese "besonderen Fälle" sind bisher sehr gut untersucht worden, nun sind die anderen dran.
Nachdem sie im ersten und zweiten Teil des Buches die historischen
und ideologischen Hintergründe des Zeit-Paradoxons aufarbeiten
und beschreiben, wie die Physik der Systeme im Nichtgleichgewicht
neue Perspektiven der Betrachtung und eine Richtung in die Zeit bringen
können, untersuchen sie im dritten Teil die Grenzen der Modelle der
bisherigen Naturbeschreibung, die noch bis weit über die Mitte unseres
Jahrhunderts hinaus das allgemeine Denken bestimmten. Das Chaos, en detail
berechenbar, aber en gros unvorhersagbar,
ergänzt auf einmal die
physikalische Theorie, übernimmt die Herrschaft an einer Grenze,
wo man bisher scheinbar nicht weiterkam. Es ist durchaus berechenbar,
erlaubt bestimmte statische und statistische Vorhersagen, doch
erlaubt es andere nicht, vor allem nicht, den Pfeil der Zeit
beliebig umzukehren.
Der aufregende vierte Teil des Buches schließlich befaßt sich
mit den Ausblicken, der neuen Theorie. In vielen Bereichen noch
undeutlich, unerforscht, ist schon zu sehen, daß wir nach den
merkwürdigen gegeneinander verstellten Uhren der mit annähernder
Lichtgeschwindigkeit reisenden gedachten Raumschiffen der Relativitätstheorie
mit noch weiteren merkwürdigen Eigenschaften der physikalischen Zeit
und der Quanten werden leben lernen müssen. Wir können jedoch einen
dicken Gewinn verbuchen: Unsere Erfahrung, daß die Zeit vorwärts
gerichtet ist, wird bestätigbar. Die Theorie der instabilen dynamischen
Systeme erklärt etliche leicht und häufig beobachtete Phänomene,
für die wir bisher keine geordnete überzeugende physikalische Theorie
anzubieten hatten. Wir gewinnen eine fast esoterisch anmutende
Komponente in der theoretischen Physik, die als "evolutionäre
Kosmologie"
(Seite 309, u.a.) in die Geschichte der Wissenschaft
eingehen dürfte. Viele Teile der klassischen Theorie werden anhand
dieses Grundgedankens überprüft und neu formuliert werden müssen;
und anders als in der bisherigen Geschichte der Physik scheint die
zeitgenössische Wissenschaftler-Elite bereit, zu ihren Lebzeiten
den übersehenen Pfad anzuerkennen und zu erforschen, was
"bislang … durch die Maschen des wissenschaftlichen Netzes
geschlüpft ist."
(Zit. n. Whitehead, Seite 327)
"Wir erleben einen privilegierten Augenblick in der Geschichte
der Wissenschaft"
schreiben die Autoren am Ende, "und wir
hoffen, daß es uns gelungen ist, unseren Lesern diese Überzeugung zu
vermitteln."
Was den Rezensenten angeht: Ja, sehr deutlich.
e-mail: Prof. Ilya Prigogine
Professor Ilya Prigogine wurde im Revolutionsjahr 1917 in Moskau geboren, 1921 wanderte seine Familie nach Belgien aus. 1941 promovierte er als Chemiker und seit 1950 lehrt und arbeitet er als Professor für physikalische Chemie an der Freien Universität der Europahauptstadt Brüssel. 1955 erhielt er den Franqui-Preis. Von 1959 an leitete er außerdem die internationalen Solvay-Institute für Physik und Chemie in Brüssel und hatte dann von 1961 bis 1966 einen Sonderlehrstuhl für Chemie an der University of Chicago inne.
Seit 1967 ist er zudem Direktor des Center for Statistical Mechanics am Department of Physics des College of Natural Sciences der University of Texas in Austin. Seit 1986 ist er Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und der World Academy of Art and Science.
Im Jahre 1977 erhielt er den Nobelpreis für Chemie, 1983 den japanischen Honda-Preis und 1991 die erste Homer-Smith-Medaille.
Dr. phil. Isabelle Stengers wurde 1949 in Brüssel geboren, sie ist Chemikerin und Philosophin und Mitarbeiterin von Professor Prigogine.
Das Buch erschien bereits 1993 in München in deutscher Sprache, die Übersetzung des englischsprachigen Originals: Time, Chaos, and the Quantum. Towards the Resolution of the Time Paradox besorgte Friedrich Griese.
Jeder, der an neuen Aspekten der Raum-Zeit-Physik, an der Erkenntnistheorie der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts und an der Verknüpfung von führender moderner physikalisch-mathematischer Weltbetrachtung mit sogenanntem esoterischem Wissen ernsthaft interessiert ist, sollte sich dieses Buch zu Gemüte führen, selbst wenn dem einen oder anderen vielleicht das mathematische Handwerkszeug seit der Schulzeit etwas verblaßt ist. Das Durcharbeiten lohnt sich allemal, selbst wenn man nicht unbedingt jeden Gedanken des Buches gleich ins eigene Überzeugungsrepertoire einbauen mag. Es lohnt sich enorm, die in rund 150 Anmerkungen versteckte Literaturliste durchzugehen, sie enthält reichlich Anregungen für vertiefenden und kontroversen Lesestoff.
Die erste Veröffentlichung dieses Texts war 1997 auf http://www.irihs.org/ spaeter umbenannt in http://www.holis.de/ und http://www.holis.org/.